Lesen ist stets auch eine Weiterbildung. Mal mehr, mal weniger absichtsvoll verändert es den Horizont des Denkens und eröffnet neue Perspektiven. Bildung hat Ziele. Kompetenzziele. Oft dient sie dem (sicheren) Umgang mit sich, den anderen und der Welt. Klaus Eidenschink macht in seinem Buch ein untypisches Bildungsziel stark: Verunsicherung. Er bietet facettenreich die Erschließung einer „Kompetenz im Umgang mit dem Unklaren, dem Vagen, dem Verwickelten, dem Rätselhaften“ (S. 9) und leistet damit eine ermutigende Einladung, sicherheitsspendende Eindeutigkeiten zu überschreiten.
Es sind Sätze wie die folgenden, die dieses Buch zum Lesegenuss machen und eine Ahnung von der konzeptionellen Ausrichtung vermitteln:
Diese Thesen laden, wie all die anderen Überlegungen und Impulse im Buch, dazu ein, die eigene Coaching-Praxis zu befragen. Reflexivität ist ein zentrales Merkmal professioneller Praxis und erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit Methoden, Interventionen und insbesondere auch der eigenen Haltung. Der Autor leistet einen wichtigen Beitrag für den Professionalisierungsdiskurs im Coaching-Feld. Mit seinen insgesamt „50 Themen, die jeweils einen grundlegenden Aspekt hinterfragen, der gängigerweise als gut, richtig, erstrebenswert oder glücksverheißend angesehen wird“ (S. 14), eröffnet er einen (Nach-)Denkraum zur Selbstvergewisserung, besser gesagt: zur Selbstverunsicherung. Hier darf der Lesende, für sich stimmig dosiert, reflektierendes Denken einüben, das sich nach John Dewey zeigt „in einem regen, andauernden, sorgfältigen Prüfen von etwas, das für wahr gehalten wird, und zwar im Lichte der Gründe, auf die sich die Ansicht stützt, und der weiteren Schlüsse, denen sie zustrebt.“ (Dewey, J. (1951). Wie wir denken. Zürich: Morgarten, S. 6)
Ganz so, wie es ja auch allgemein anerkannte Metaziele von Coaching sind, Annahmen zu hinterfragen, sich möglicher blinder Flecken bewusst zu werden und die eigene (v.a. als problematisch erlebte) Praxis im Lichte neuer Erkenntnisse weiterzuentwickeln, gilt es für den Lesenden, genau diese Bewusstseinsbewegung zu kultivieren. Leichter gesagt als getan. Denn was Klienten in bester Absicht und im besten Fall zieldienlich für ihre Entwicklung zugemutet wird – das Hinterfragen vertrauter Muster, das Aushalten von Unsicherheiten und das Zulassen von Veränderung – ist für Coaches selbst kein selbstverständlicher oder gar müheloser Prozess.
Reflexivität fordert Mut – nicht nur von Klienten, sondern ebenso von denjenigen, die sie in ihren Klärungs- und Lösungsprozessen begleiten. Die Bereitschaft, eigene Überzeugungen, Routinen oder sogar das eigene Coaching-Verständnis infrage zu stellen, verlangt von Coaches dasselbe Maß an Offenheit und Veränderungsbereitschaft, das sie von ihren Klienten und Klientinnen erwarten.
Die vielfältigen Anregungen im Buch verdeutlichen eindrücklich, dass Professionalität im Coaching nicht nur durch methodische Sicherheit und wirksame Beziehungsgestaltung gekennzeichnet ist, sondern auch durch eine Infragestellung der Bezugsrahmen, in denen es stattfindet.
Der Autor unterstützt die lesenden „Coaches und andere(n) Mutigen“ bei dieser Selbstsupervision, in deren Zuge sicherheitsstiftende Denk- und Handlungsmuster vielleicht Risse bekommen. Passenderweise stellt Eidenschink seinem Werk ein Zitat von Leonhard Cohen voran: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“
Dementsprechend richtet sich das Buch an „mutige-ängstliche Leser“:
„Mut braucht man im Unbekannten. Angst hat man im Unsicheren. Mögliche Erkenntnisse und Beruhigungen können sich bisweilen erst einstellen, wenn man sich für Momente ins Undefinierte und Vage fallen lässt.“ (S. 10)
Das Buch fokussiert „Schwierigkeiten und Herausforderungen beim Umgang mit guten Zielen, mit der Bestimmung des Guten, mit der Erkenntnis von Wahrheit, mit Sinn und Erfolg, mit Glück und Unglück … [und] reflektiert […] den Stellenwert von Krisen, die Bedeutung von unangenehmen Empfindungen bei Veränderungen, mögliche Irrtümer über sich selbst und das nur vermeintlich Gute“ (S. 11). Damit ist das Buch auch für all jene interessant, die „sich und ihre Mitmenschen besser verstehen lernen wollen“ (S. 11).
Verstehen braucht Zeit. Und: Zwischen einem rein intellektuellen Verstehen und dem Erschließen einer (existenziellen) Bedeutsamkeit des Erfahrenen bzw. Erlesenen für das eigene Denken, Fühlen und Handeln liegt ein Unterschied. Während das erste oft schnell gelingt, braucht das zweite Zeit – Zeit, um Impulse nachwirken zu lassen, sie mit eigenen Erfahrungen abzugleichen und ihre Relevanz wirklich zu erfassen.
Ein „häppchenweise[r] Verzehr“ (S. 14), wie ihn der Autor empfiehlt, hilft, die im Buch entfaltete Wertschätzung der Unsicherheit und Uneindeutigkeit nicht nur kognitiv zu verstehen, sondern auch die vielen Denkanstöße für die persönliche Berufs- und Alltagspraxis fruchtbar werden zu lassen.
Fazit: Ich kann das Buch allen Personen empfehlen, die im Sinne der persönlichen Entwicklung nicht nach schnellen, sicheren und einfachen Antworten suchen, sondern den Wert von Unsicherheiten erkennen und ihre Kompetenz im Navigieren komplexer Situationen ausbauen möchten.
Andreas Broszio